{"id":3904,"date":"2020-10-17T14:05:09","date_gmt":"2020-10-17T12:05:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.struhal.com\/?p=3904"},"modified":"2020-10-21T15:58:44","modified_gmt":"2020-10-21T13:58:44","slug":"deutsch-ludwig-van-beethoven-fur-elise-eine-beobachtung-eine-annahme-eine-untersuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/2020\/10\/17\/deutsch-ludwig-van-beethoven-fur-elise-eine-beobachtung-eine-annahme-eine-untersuchung\/","title":{"rendered":"Ludwig van Beethoven \u201eF\u00fcr Elise\u201c, eine Beobachtung, eine Annahme, eine Untersuchung"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h3>Vorwort:<\/h3>\n<p>Den folgenden Blogpost schickte ich nach Ver\u00f6ffentlichung an Dr. Jochen Reutter, den f\u00fcr die von mir stark genutzten Ausgaben sehr gesch\u00e4tzten Chefredakteur der Wiener Urtext Edition; er gab \u00a0<a href=\"#Antwort\">seine Antwort<\/a> auf meine Zusendung freundlicherweise frei, soda\u00df ich sie hier diesem Text anh\u00e4ngen kann; daf\u00fcr bedanke ich mich an dieser Stelle herzlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ludwig van Beethoven \u201eF\u00fcr Elise\u201c, eine Beobachtung, eine Annahme, eine Untersuchung<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u201eF\u00fcr Elise\u201c ist eines der bekanntesten Klavierst\u00fccke \u00fcberhaupt. Es gibt zum Beispiel unz\u00e4hlige Warteschleifen bei Telefondiensten, die den Anrufenden diese Melodie, n\u00e4mlich die ersten etwa 22 Takten des St\u00fcckes, in Dauerschleife wiedergeben. Die restlichen 81 Takte des Werkes werden meist vergessen.<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Was hat es mit dieser Bagatelle auf sich, die vor allem Klaviersch\u00fcler weltweit erlernen?<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Die Musikwissenschaft hat sich in der Erforschung der Umst\u00e4nde, unter denen Beethoven das Werk schrieb, sehr verdient gemacht. Das beginnt damit, dass einer der ersten Beethovenforscher Ludwig Nohl das Werk im Nachlass Therese von Dro\u00dfdicks entdeckte und 1867 erstmals ver\u00f6ffentlichte. Manches l\u00e4sst sich in der wunderbar aufbereiteten digitalen Bibliothek des Beethovenhaus Bonn nachlesen: so etwa, dass Beethoven das Werk am 27. April, wie recherchiert wurde, im Jahr 1810 schrieb. Auch die Skizze zu dem Werk l\u00e4sst sich einsehen. Nur, wem Beethoven das St\u00fcck widmete, darin sind sich die Forscher und Forscherinnen bis heute keineswegs einig. Denn eine \u201eElise\u201c kannte man zun\u00e4chst im engeren Kreis Beethovens nicht. Auch hier wurde man in den letzten Jahren f\u00fcndig und f\u00f6rderte die eine oder andere \u201eElise\u201c in Beethovens Umfeld zutage, auf die die Widmung zutreffen k\u00f6nnte. Ich folge hier einem anderen Erz\u00e4hlstrang, dem des Beethovenforschers Max Unger, der in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Therese Malfatti als Adressatin der kleinen Bagatelle ausmachte. Therese Malfatti war eine blutjunge siebzehnj\u00e4hrige Klaviersch\u00fclerin Beethovens, die Beethoven im Fr\u00fchjahr 1810 einige Wochen stark umwarb und sich wohl tats\u00e4chlich mit Heiratsabsichten trug, h\u00e4tte die Familie Thereses diese nicht vereitelt. Warum ich Therese f\u00fcr die Widmungstr\u00e4gerin halte, werde ich in der Folge genauer ausf\u00fchren. Ludwig Nohl, der Entdecker des St\u00fccks, hielt wohl als einziger Wissenschafter jemals das Autograph in H\u00e4nden, das seither verschollen ist. Unger meint, Nohl h\u00e4tte Beethovens Schrift falsch entziffert und \u201eElise\u201c statt \u201eTherese\u201c gelesen. Wer jemals Beethovens Schrift vor sich hatte &#8211; das gilt im \u00fcbrigen auch f\u00fcr seine Notenschrift -, wird verstehen, dass diese Annahme durchaus Berechtigung hat<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<h3><strong>Die Vorgeschichte: <\/strong><\/h3>\n<p><strong>Beethovens, wie man jetzt inzwischen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annimmt, \u201eunsterbliche Geliebte\u201c Josephine von Stackelmann, verwitwete von Deym, geborene Brunsvik, hatte im Februar 1810 erneut geheiratet, jenen Herrn von Stackelmann, dessen uneheliches Kind sie im Winter 1809 im geheimen zur Welt gebracht hatte (und dessen Geburtsdatum sp\u00e4ter in das Jahr 1810 datiert wurde). Wom\u00f6glich hat diese Eheschlie\u00dfung den neununddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Beethoven dazu bewogen, eine eigene Heirat bewusst voranzutreiben. Er lie\u00df sich also von seinem Freund Ignaz von Gleichenstein, der Thereses Schwester umwarb und in der Folge heiratete, in die Familie Malfatti einf\u00fchren und begann, die 17j\u00e4hrige Therese im Klavierspiel zu unterweisen. Briefe belegen auch, dass er sich in dieser Zeit sehr um sein \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild sorgte: so erwarb er unter anderem neue T\u00fccher und Hemden, um sorgsam gekleidet aufzutreten. Beethoven bewegte sich auf Freiersf\u00fc\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Zur\u00fcck zu besagter Bagatelle, <\/strong><\/h3>\n<p><strong>die laut Erstausgabe im Autographen folgenden Zusatz trug \u201eF\u00fcr Elise am 27. April zur Erinnerung von L. v. Bthvn\u201c: was mag an jenem \u201e27. April\u201c, der von der Wissenschaft in das Jahr 1810 datiert wurde, geschehen sein? Warum halte ich an Max Ungers bald hundertj\u00e4hriger Expertise fest und sehe in Therese die Adressatin des St\u00fcckes?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich habe ich dieses Werk Beethovens lange nicht beachtet, da es im Anf\u00e4ngerklavierunterricht und von Klaviersch\u00fclern ungemein und \u00fcber die Ma\u00dfen zum Teil sehr zum Teil weniger erfolgreich strapaziert wird, auch wenn hier fast ausschlie\u00dflich die 22 Anfangstakte erlernt werden, fast niemals das gesamte Werk. Dennoch hielt ich es lange mit der allgemein verbreiteten Meinung in Fachkreisen, es handle sich hier um ein etwas belangloses von Beethoven nicht besonders sorgsam ausgearbeitetes St\u00fccklein, das entsprechend bel\u00e4chelt wurde; so stie\u00df ich mich bereits an jenen Anfangstakten jedesmal am D der Oberstimme im Takt 7. In der Ausgabe von Nohl findet sich hier zwar ein E, das also hinsichtlich einer korrekten Stimmf\u00fchrung quasi \u201eeingeebnet\u201c wurde, die Urtextausgaben haben sich hier jedoch f\u00fcr D entschieden, da in der heute noch erhaltenen Skizze des Werks ein D steht und auch in der von Nohl editierten Erstausgabe, die sich am heute verschollenen Autographen orientierte, in s\u00e4mtlichen Parallelstellen ein D geschrieben steht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<h3><strong>Warum irritiert mich dieses D? <\/strong><\/h3>\n<p><strong>Es handelt sich hier um die Septime des Dominantseptakkordes der Dominante E zur Grundtonart a Moll. Eine solche Sept wird nach jahrhundertealten Regeln in der Stimmf\u00fchrung f\u00fcr gew\u00f6hnlich auf eine Art gel\u00f6st: n\u00e4mlich fallend und in die Terz des n\u00e4chsten Akkordes, also D1 ins C1 der Grundtonart a-Moll. Beethoven l\u00f6st jedoch hier diese Sept nicht; oder anders, er f\u00fchrt das D1 in das C2, also in die obere Septime. Das Fehlen der Aufl\u00f6sung macht hinsichtlich der Stimmf\u00fchrung keinen Sinn, es klingt just falsch (wenn wir uns nicht bereits derma\u00dfen daran gew\u00f6hnt h\u00e4tten). Er k\u00f6nnte das D1 problemlos ins C1 l\u00f6sen, wenn er das gewollt h\u00e4tte, es g\u00e4be hier verschiedene Varianten, die offensichtliche w\u00e4re das zugleich angeschlagene Intervall C1-A1 auf die erste Achtel des folgenden Taktes. Beethoven sucht diese L\u00f6sung nicht. Er k\u00f6nnte auch, wie es Nohl in seiner Erstausgabe hielt, ein E1 anstatt des D1 setzen, um \u00fcberhaupt die Septime zu umgehen. Dennoch l\u00e4sst er just das D ungel\u00f6st stehen. Dieser Dominantseptakkord wird &#8211; h\u00f6rbar &#8211; in der Stimmf\u00fchrung nicht korrekt behandelt. Ich habe viele Stellen bei Beethoven durchgesehen und keine analoge Vorgangsweise finden k\u00f6nnen. Man wei\u00df von Beethoven, dass er die strengen Stimmf\u00fchrungsregeln nicht immer streng befolgte: ganz ber\u00fchmt sind hier zum Beispiel jene Quintparallelen im Streichquartett, die Beethovens Sch\u00fcler Ries Beethoven gegen\u00fcber anspricht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Erstaunlicherweise hat sich jedoch noch niemand in der Literatur dieser ungel\u00f6sten Septime angenommen, obwohl sie sicher nicht nur f\u00fcr meine Ohren ungel\u00f6st bleibt. Das reizte mich sehr. Dadurch, dass Beethoven die Septime D in die Septime C f\u00fchrt, ergibt sich zum Abschluss der Phrase ein sehr charakteristisches Seufzermotiv, das heraussticht und somit die Aufmerksamkeit auf sich zieht: was hatte das zu bedeuten? D-C? Unernst spielte ich mit den Buchstaben und kam auf d.c.? (d.c. ist z.B. die \u00fcbliche Anzeichnung f\u00fcr ein da capo al fine, jene Bezeichnung, die angibt, dass ein bestimmter Teil des St\u00fcckes wiederholt werden sollte). Warum w\u00fcrde Beethoven hier jedoch \u201ed.c.\u201c in T\u00f6ne verpacken wollen? Das machte nicht unbedingt Sinn. Nur, ging es hier vielleicht tats\u00e4chlich um Buchstaben?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>stand D1 f\u00fcr den Buchstaben D?\u2026dann k\u00f6nnte es wom\u00f6glich auch T sein? Oder ist es einfach ein Spiel, n\u00e4mlich die komplement\u00e4re Umkehr der T\u00f6ne D-C aus den Takten 1 und 5? Oder ging es ihm um das H? Sehr spannend.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<h3><strong>Also begann ich mir das vermeintlich belanglose St\u00fccklein, diese Bagatelle, n\u00e4her anzusehen und fand mehr Eigent\u00fcmliches. <\/strong><\/h3>\n<p><strong>Da ist zum Beispiel dieser enorme \u00dcberhang an den T\u00f6nen E im Thema: zun\u00e4chst das f\u00fcr das St\u00fcck ganz charakteristische jedoch musikalisch eher beh\u00e4bige und eigentlich uninteressante Motiv E-Dis-E-Dis-E (Takt 1 und 5 jeweils mit Auftakt, bzw in allen Wiederholungen des Themas bis auf Takt 82), oder Dis-E-Dis-E-Dis in T13\/14 und T14\/15 bzw alle Wiederholungen des Themas), das Beethoven fast penetrant immer und immer wieder anbringt. Es klingt wie ein ausgeleierter Triller, also nicht gerade musikalisch attraktiv und w\u00fcrde schon gar nicht als geniale Eingebung durchgehen. Ich befand, dass es ein f\u00fcr Beethovens Verh\u00e4ltnisse ziemlich geistloser Einfall w\u00e4re, w\u00e4re es eben nichts als diese eine Tonfolge.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Sollte es nicht eher ein Spa\u00df sein? Da musste mehr dahinterstecken, wie auch bei der ungel\u00f6sten Septime D. Oder hatte Beethoven ganz entgegen seinem sonstige kompositorischen Anspruch hier tats\u00e4chlich einfach T\u00f6ne lose aneinandergereiht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>E-Dis-E-Dis-E, oder Mi-Re-Mi-Re-Mi, oder E-Es-E-Es-E\u2026oder\u2026E-S-E oder [t(h)]-E-(r)-E-(s)-E<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hatte das niemand vor mir gelesen? Das schien mir nicht nur unverst\u00e4ndlich sondern vor allem unm\u00f6glich. Also nahm ich mir die diversen Artikel vor, die zu \u201eF\u00fcr Elise\u201c ver\u00f6ffentlicht worden waren. Ich entdeckte den sehr \u00fcberzeugenden Erz\u00e4hlstrang Ungers, den ich bereits oben erw\u00e4hnt hatte und den ich aufgrund meiner Entdeckung auch gleich st\u00fctzen konnte. Dann gab es weitere Str\u00e4nge, die ein Wunderkind namens Elise oder die S\u00e4ngerin Elisabeth R\u00f6ckel in Beethovens Umfeld fanden. Etc. Etc. Dann wurde in einem Artikel der Organist Johannes Quack und seine Annahme geschildert: Quack ging als einziger auf die Tonfolge des charakteristischen Motivs ein und schrieb sie einigen Buchstaben des Namens Elise zu.<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Doch \u201eElise\u201c ist offensichtlich falsch, es muss \u201eTherese\u201c sein.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Ich lese den Namen in Takt 14\/15 (D-is)-E-(RE)-E-(S)-E und in Takt 1 und 5 eine Abspaltung davon. Oder eben \u201eE-S-E\u201c als Teil von Therese. Offensichtlich sind die drei E.<\/strong><\/p>\n<p><strong>T12\/13 sind besonders interessant: hier bleiben im Rahmen einer Abspaltung bzw. einer harmonischen und motivischen Verdichtung des Materials \u00fcberhaupt nur noch die T\u00f6ne E in verschiedener Oktavabfolge \u00fcbrig: lassen Sie uns nicht vergessen, auch Beethoven tr\u00e4gt drei E im Namen, auch wenn er sich privat meist nur mit den Konsonanten des Nachnamens unterschrieb \u201eBthvn\u201c, oder eben mit dem ganzen Nachnamen, \u00fcbrigens nicht mit Ludwig. (\u201eLudwig van Beethoven\u201c findet sich als Signatur vor allem in der nicht privaten Korrespondenz.)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es wird deutlich, dass es nicht nur um Therese geht; es kommt offensichtlich zur Verschr\u00e4nkung der Namen Therese und Beethoven.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum steht die Bagatelle in a Moll? MAlfAtti. Warum gibt es in Takt 24 eine Modulation nach F-Dur? ja, Sie tippen richtig, MalFatti und Beethoven, denn auch hier wird das B exponiert eingewoben in den Verlauf des F-Dur Teils, n\u00e4mlich gleich in T22, wieder geht es um eine Septime eines Dominantseptakkordes, als B-Septime der Dominante C. Ein Zufall? Ja, kann nat\u00fcrlich sein. Hier ein weiterer Zufall: warum finden wir just im Takt 71 den markanten harmonischen Schritt von a nach B? ein Hinweis auf Beethoven. Und von B nach h? BeetHoven! Wie passt der drei Achtel Takt dazu? Wom\u00f6glich, weil Beethoven, Therese und Malfatti jeweils drei Silben haben? Warum der Auftakt? Weil \u201eTherese\u201c auf die zweite Silbe betont ist? Sind das alles Zuf\u00e4lle?<\/strong><\/p>\n<h3><strong>Sollte hier der Komponist nur lose Bez\u00fcge zu den Namen der beiden hergestellt haben? Nun setzen, nach den zuvor dargestellten Fakten, Mutma\u00dfungen ein:<\/strong><\/h3>\n<p><strong>auch wenn es sich hier offensichtlich um eine Spielerei Beethovens handelt, nehme ich nicht an, dass es hier nur um lose Bez\u00fcge von aneinandergereihten Tonnamen geht. Ich denke, Beethoven spielt hier vielmehr halbernst auf Erlebtes oder Anekdotisches an. Wom\u00f6glich hat er hier eine technische \u00dcbung an Therese verpackt (E-Dis-E-Dis-E als \u00dcbung f\u00fcr die Finger 4 und 5 der rechten Hand? bekanntlich die schw\u00e4cheren Finger)? Wom\u00f6glich eine Improvisation mit Therese? vermutlich wurde, wenn man Beethovens Absichten kennt, im Unterricht geredet, gescherzt, geflirtet? Sind jene klar voneinander abgesetzten Zweierverbindungen der Sechzehntel in Takt 13\/14, die in unterschiedlichen Systemen notiert und bei anderer Wiederholung sogar mit Bindebogen versehen werden, gar etwa ein \u00dcbergreifen der Hand Beethovens mit jener Thereses? Warum bei fast allen Interpretationen hier \u00fcber diese, f\u00fcr den vermeintlich belanglosen Inhalt komplizierte Notierung, unbedarft schnell dar\u00fcber hinweg gespielt wird, ist schwer nachvollziehbar. Hatte er es f\u00fcr den Klavierunterricht zur Unterhaltung und Umschmeichlung Thereses verfasst und es ihr dann als Erinnerung im Nachhinein zugesandt? Immerhin schreibt Beethoven an Therese im Mai 1810 (Brief Nr 442 in der Henle Gesamtausgabe der \u201eBeethoven Briefe\u201c Bd 2, Seite 122; ich gehe davon aus, dass mit diesem Schreiben das hier beschriebene Werk \u00fcbersandt wurde):<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p><em><strong>\u201e\u201c[\u2026] Welchen Unterschied werden Sie gefunden haben in der Behandlung des an einem Abend erfundenen Themas und so wie ich es ihnen leztlich [sic] niedergeschrieben habe, erkl\u00e4ren sie sich das selbst, doch nehmen sie ja den Punsch nicht zu H\u00fclfe- [\u2026]\u201c.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Haben Beethoven und Therese hier gemeinsam an einem Thema improvisiert und herumgealbert (der Hinweis, sie solle keinen Punsch hinzunehmen, l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen\u2026), nun hat er ihr seine ausgearbeitete Version zukommen lassen? Hat Beethoven hier an Therese ein kleines musikalisches R\u00e4tsel mit Augenzwinkern verfasst? vielleicht sollte die melancholische Grundstimmung Beethovens Sehnen nach Therese w<\/strong><b>iderspiegeln? oder, oder&#8230;<\/b><\/p>\n<p><strong>Tats\u00e4chlich scheint das Thema von \u201eF\u00fcr Elise\u201c bereits in einem fr\u00fcheren Skizzenheft auf, das in das Jahr 1808 datiert wird und vor allem der 6. Symphonie gewidmet ist. Ich habe die online einsehbaren Bilder des Autographen hierf\u00fcr studiert. Offensichtlich ist das Thema \u201eF\u00fcr Elise\u201c in <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>einem anderen Schriftzug notiert, dickere Feder als die \u00fcbrigen Eintragungen des Blattes. Doch findet sich dickerer Federstrich durchaus auch auf anderen Bl\u00e4ttern dieser Sammlung (unter Landsberg 10 zusammengefasst, Skizzen die der Jahre 1801-1826 zeigen). Dar\u00fcberhinaus f\u00e4llt auf, dass die direkt umgebenden Zeilen, die offensichtlich inhaltlich nicht mit dem Thema in a-Moll zusammenh\u00e4ngen, anders gearbeitet sind: Bleistift mit Feder nachgezogen (<a href=\"https:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht?PPN=PPN820165506&amp;PHYSID=PHYS_0163&amp;DMDID=DMDLOG_0030\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Skizzenblatt der ersten Skizze des Themas in der Staatsbibliothek Berlin<\/a>) w\u00e4hrend das a-Moll Thema ausschlie\u00dflich mit Feder notiert ist. Leider fand ich in den entsprechenden Unterlagen keinen Hinweis darauf, ob Schriftz\u00fcge oder Tinte n\u00e4her untersucht wurden. Ich werde dieser Sachlage jedoch weiter nachgehen. Da wir von dem Skizzenblatt aus dem Jahr 1810 (<a href=\"http:\/\/dfg-viewer.de\/show\/?tx_dlf%5Bid%5D=https%3A%2F%2Fwww.beethoven.de%2Fmedia%2Fmodsfile%2F5010945952710656&amp;tx_dlf%5Bpage%5D=1\">Skizzenblatt in der digitalen Sammlung des Beethovenhaus-Bonn<\/a>) wissen, dass es 1822 nochmals \u00fcberarbeitet wurde (blauer Buntstift), wissen wir auch, dass die Skizzenbl\u00e4tter\/-b\u00fccher durchaus pr\u00e4sent in Beethovens Arbeitsraum waren, also mehrfach verwertet wurden, zumal Papier ein teures Gut war. Kann es nicht sein, dass Beethoven eineinhalb Jahre sp\u00e4ter das Skizzenbuch aus dem Jahr 1808 offen am Instrument liegen hatte und schnell mal an einer noch unbeschriebenen Stelle das Thema notierte? Auch sonst geht es in Beethovens Skizzenb\u00fcchern durchaus \u201edrunter und dr\u00fcber\u201c im wahrsten Sinne des Wortes. Oder hatte er sich anl\u00e4sslich seiner Schw\u00e4rmerei f\u00fcr Therese des Skizzenblattes erinnert und weiter ausgeformt? Beides w\u00e4re\u00a0<\/strong><b>m\u00f6glich, dennoch tendiere ich zur ersten Annahme.<\/b><\/p>\n<p><strong>Erst durch die Untersuchungen dieser einfachen Bagatelle in a wurde mir bewusst, warum Beethoven in der \u201eGro\u00dfen Sonate f\u00fcr das Hammerklavier\u201c just B -Dur und h-Moll einander gegen\u00fcberstellte: Bthvn.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Sonate op. 106 wird im \u00fcbrigen mein n\u00e4chster ausf\u00fchrlicher Blogtext gewidmet sein.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a9 Gerda Struhal, 17. Oktober 2020 <\/strong>(Detaillierte Literaturliste wird nachgereicht)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 id=\"Antwort\">Antwort von Dr. Jochen Reutter, Chefredakteur der Wiener Urtext Edition, am 18.Oktober 2020<\/h3>\n<h3><\/h3>\n<div><em><strong>&#8222;Sehr geehrte Frau Struhal,<\/strong><\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div><em><strong>danke f\u00fcr Ihre Nachricht und den Link. Ihren Blog habe ich mit gro\u00dfem Interesse gelesen. Parallelen zwischen Tonbuchstaben und Wortbuchstaben herzustellen, hat es in der musikhistorischen Forschung immer wieder gegeben, wobei die Probleme immer dort beginnen, wo die Wortbuchstaben keine \u00c4quivalente im Vorrat der Tonbuchstaben haben. Dabei ist die Darstellung eines \u201eS\u201c durch den Ton \u201eEs\u201c (und eventuell in diesem Rahmen noch die enharmonische Umdeutung eines \u201edis\u201c zu \u201ees\u201c) noch das geringste Problem. Leider lassen sich nicht alle Worte und Namen so leicht in Tonbuchstaben \u00fcbertragen wie B-A-C-H. Aber der Ansatz hat lange und vielf\u00e4ltige Tradition.<\/strong><\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div><em><strong>Was aber wirklich f\u00fcr Therese von Dro\u00dfdick, geb. Malfatti, spricht, ist die Tatsache, dass sich das Manuskript tats\u00e4chlich l\u00e4ngere Zeit im Besitz der Therese Dro\u00dfdick befand, und man bislang auf keine Elise gesto\u00dfen ist, die dieses Manuskript der Therese von Dro\u00dfdick in der Tat geschenkt haben k\u00f6nnte. Dass Teile des Widmungstitels m\u00f6glicherweise eine F\u00e4lschung sein k\u00f6nnten, ist zwar nicht unumst\u00f6\u00dflich erwiesen, zumindest aber eine weitere Hypothese (vgl. dazu die Aufs\u00e4tze von Michael Lorenz und J\u00fcrgen May in den Bonner Beethoven-Studien, Bd. 9 und Bd. 11); diese w\u00fcrde freilich voraussetzen, dass Nohl \u2013 euphemistisch gesagt \u2013 nicht in allen Details seiner Informationen den Tatsachen entsprochen h\u00e4tte, auch das ist wiederum nicht ohne Weiteres glaubw\u00fcrdig, also bleibt es bei der Hypothese. Ich habe das in meinem Vorwort zu der neuen Einzelausgabe in der Wiener Urtext Edition, die kurz vor Abschluss der Korrekturphase steht und vielleicht noch vor Weihnachten 2020 erscheinen wird, noch einmal etwas pr\u00e4zisiert.<\/strong><\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div><em><strong>Lange dachte ich aber, dass ihr Artikel auf H\u00f6chste verwundbar ist, w\u00e4ren Sie nicht in Ihrem letzten Absatz auf die Skizze im Skizzenbuch der Pastoral-Sinfonie eingegangen. Denn der dort skizzierte Einfall des Themas wurde ja bereits zwei Jahre vor Beethovens Bekanntwerden mit der Familie Malfatti niedergeschrieben. Mit Ihrer Frage nach dem Zeitpunkt des Eintrags und m\u00f6glicherweise abweichenden schriftchronologischen Eigenschaften haben Sie tats\u00e4chlich eine Spur aufgezeigt, denen die Kenner von Beethovens Handschrift, seiner Handschrift-Typen (Konzeptschrift\/Reinschrift und Zwischenformen) sowie der verwendeten Tinten und Schreibmaterialien noch einmal gr\u00fcndlich nachgehen sollten. W\u00fcrden Ihre Vermutungen best\u00e4tigt, dann erf\u00fchre Ihre Hypothese eine starke St\u00fctze. Vielleicht sollten Sie anregen, das dem wirklich noch einmal Spezialisten nachgehen. Ihre Beobachtungen und die daraus resultierenden Fragen sind keineswegs abwegig!<\/strong><\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div><em><strong>Ansonsten unterscheiden wir uns gar nicht so sehr in der Gesamtbewertung, nur dass ich mich im Rahmen einer Urtext-Ausgabe weitestgehend auf die nachweisbaren Fakten und die plausiblen Erkenntnisse der j\u00fcngsten Forschung beziehen muss. Alles weitere l\u00e4sst dann Freiraum f\u00fcr Deutungsversuche wie den Ihrigen. Sie d\u00fcrfen gerne auf meine Arbeit und die bevorstehende neue Einzelausgabe in der Wiener Urtext Edition (sie erh\u00e4lt \u00fcbrigens die Verlagsnummer UT 50425) hinweisen.<\/strong><\/em><\/div>\n<div><\/div>\n<div><em><strong>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<\/strong><\/em><\/div>\n<div><em><strong>Dr. Jochen Reutter&#8220;<\/strong><\/em><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort: Den folgenden Blogpost schickte ich nach Ver\u00f6ffentlichung an Dr. Jochen Reutter, den f\u00fcr die von mir stark genutzten Ausgaben sehr gesch\u00e4tzten Chefredakteur der Wiener Urtext Edition; er gab \u00a0seine Antwort auf meine Zusendung freundlicherweise frei, soda\u00df ich sie hier diesem Text anh\u00e4ngen kann; daf\u00fcr bedanke ich mich an dieser Stelle herzlich. &nbsp; Ludwig van<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3892,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-3904","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3904"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3904\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3921,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3904\/revisions\/3921"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3892"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}