{"id":3515,"date":"2018-08-24T14:44:54","date_gmt":"2018-08-24T12:44:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.struhal.com\/?p=3515"},"modified":"2019-04-30T14:19:00","modified_gmt":"2019-04-30T12:19:00","slug":"deutsch-gedanken-zu-thomas-bernhard-ein-reisebericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/2018\/08\/24\/deutsch-gedanken-zu-thomas-bernhard-ein-reisebericht\/","title":{"rendered":"Gedanken zu Thomas Bernhard, ein Reisebericht"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h4>Dieser Blogpost basiert auf meiner Leseleidenschaft, die immer auch mit der Musik zu tun hat. (Alles hat bei mir mit Musik zu tun.)<\/h4>\n<h4>Besuch in Obernathal.<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2779-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3458 size-medium\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2779-1-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2779-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2779-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2779-1-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ortseinfahrt Obernathal, dann mit dem Auto scharf links und man ist da: Obernathal zwei, eine der ehemaligen Anschriften von Thomas Bernhard. Wenn man das notariell versiegelte Tagebuch von Ignaz Hennetmair gelesen hat, erf\u00e4hrt man, dass das Haus mit Anschrift Obernathal zwei die Hauptanschrift Bernhards war und das erste Haus, das Bernhard kaufte. Ich bin ganz offensichtlich die einzige Besucherin: das Wetter ist abscheulich, es regnet in Str\u00f6men, es ist kalt, es ist der zehnte August. Zum Vortag gab es einen Temperatursturz von etwa vierzehn Grad ausgehend von zweiunddrei\u00dfig Grad im Schatten. Hier in Obernathal ist es unwirtlich. Auch finden an diesem zehnten August keinerlei F\u00fchrungen im Bernhard Haus statt. F\u00fchrungen gibt es ausschlie\u00dflich an Wochenenden und Feiertagen ab vierzehn Uhr. Das Haus ist also geschlossen. Insofern h\u00e4tte ich mir die Frage stellen k\u00f6nnen, was f\u00fchrt mich dennoch just an jenem Freitag dem zehnten August nach Obernathal?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2847-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3451 \" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2847-2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"385\" height=\"289\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2847-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2847-2-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2794.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3455 size-medium\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2794-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2794-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2794-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2794-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Thomas Bernhard hat Hausbesichtigungen f\u00fcr Hausk\u00e4ufe ausschlie\u00dflich bei schlechtem Wetter empfohlen, je schlechter desto besser. So hatte er sich den Hof Obernathal zwei von Ignaz Hennetmair Mitte der neunzehnsechziger Jahre bei nebligem, feuchtem, kaltem Winterwetter vorf\u00fchren lassen und sich genau in dieser Wettersituation zum Kauf des renovierungsbed\u00fcrftigen Bauernhofes entschieden, um ihn dann jahrelang Schritt f\u00fcr Schritt wohnlich zu machen. In Bernhards Pass stand als Berufsbezeichnung dementsprechend \u201eLandwirt\u201c. Bernhards Ansatz, zumindest was Wetter und Hausbesichtigungen betrifft, \u00fcberzeugt mich. Ich mache es ihm nach und sehe mir sein Haus bei Regen an, auch wenn weniger das schlechte Wetter als die zuf\u00e4llige geographische N\u00e4he Anlass zur Fahrt nach Obernathal gab.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3447 size-medium\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-70x70.jpg 70w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2846-e1534756672502-247x247.jpg 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der Vierkanthof ist eindrucksvoll, sehr ausladend und auch in gutem baulichem Zustand, wie es den Anschein hat. Ich finde die Lage jedoch \u00fcberraschend eng an den Nachbarh\u00e4usern und verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig eng an der Westautobahn. Den Verkehr der stark frequentierten Autobahn kann man von Bernhards Haus stetig h\u00f6ren und, wenn man will, auch sehen. Immerhin an zwei Hausseiten des Vierkanthofes hat man eine weite Aussicht in eine nahezu unverbaute Landschaft, bei meinem Besuch nebelverhangen: ich nehme eine ausgedehnte leicht abfallende Wiesen- oder Ackerfl\u00e4che vor einem Waldansatz wahr. Es gibt keine dramatischen Landformationen, keine schroffen H\u00e4nge, keine Felsgebirge.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3445 size-medium alignright\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-70x70.jpg 70w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2797-e1534684540660-247x247.jpg 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Die vier Seiten des Hofes gehe ich rundum ab, keine ist wie die andere. Zum einen gibt die R\u00fcckseite des Vierkanters durch die nackten roten Ziegelsteinen mit gro\u00dfen Scheunentoren den Anschein eines Rohbaus, zum anderen stehen lackierte B\u00e4nke, gleichfarbig lackierte Fensterl\u00e4den und sauber wei\u00df verputzte Mauern an der n\u00e4chsten Hausseite f\u00fcr eine gewisserma\u00dfen schmucke Fassade. Die Gitterst\u00e4be vor den gedrungenen Fenstern sind geputzt und poliert. Streng ist das Haus, keinerlei Stuck, dicke Mauern, kleine, eben teilweise vergitterte Fenster, kokett streng, immerhin nannte Bernhard den Hof, in dem er wohnte und arbeitete, seinen \u201eKerker\u201c (<a href=\"https:\/\/www.thomasbernhard.at\/index.php?id=133\">siehe Thomas Bernhards Text, 1965, &#8222;Meine eigene Einsamkeit&#8220;<\/a>).\u00a0Wom\u00f6glich reicht die Doppelb\u00f6digkeit \u00fcber die wahrnehmbaren zwei Stockwerke hinaus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3429 size-medium\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-70x70.jpg 70w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2803-e1534687694481-247x247.jpg 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Menschen suchen sich die H\u00e4user, die zu ihnen passen, oder die sie sich eben leisten k\u00f6nnen, wenn sie dringend eines brauchen. Bernhard nahm, wenn man seinen ausgedehnten Briefwechsel mit Siegfried Unseld in Betracht zieht, wenig R\u00fccksicht auf die Leistbarkeit eines Hauses. Ganz im Gegenteil, er kaufte sich H\u00e4user, die er sich nicht unmittelbar leisten konnte, um schreiben zu m\u00fcssen. Er schrieb also gleichsam dem Wert der H\u00e4user hinterher, um die H\u00e4user abzuzahlen. Sp\u00e4ter wurde ihm das Geld vom Verleger vorgestreckt, da dieser schon darauf vertrauen konnte, dass Bernhard Geld (und damit Haus) wieder herein-schrieb. Und seine Geldgeber hatten wohl auch verstanden, dass er die H\u00e4user brauchte, um sich am Schreiben zu halten. F\u00fcr Bernhard waren seine H\u00e4user sein Schreibgrund.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3474 size-medium\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-70x70.jpg 70w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2787-e1534757531843-247x247.jpg 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Dennoch w\u00fcrde ich keineswegs so weit gehen zu denken, \u201eer kaufte, also schrieb er\u201c, eher noch, \u201eer ging, also dachte er\u201c, im Wissen, dass eine Reduktion von Bernhards Arbeitsweise, seiner Existenzweise, auf Descartesvariationen das ballaststoffarme Fastfood des Verstehens ist. Es gibt beim Gehen Abk\u00fcrzungen, nicht beim Verstehen. Und wenn man, wie Bernhard, Gehen mit Denken verkn\u00fcpft, denkt man \u00fcber Abk\u00fcrzungen beim Gehen auch nach.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3434 size-medium\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-70x70.jpg 70w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2837-e1534688009264-247x247.jpg 247w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Bernhards Zwetschkenbaum vorne links neben dem Eingang ist zum Brechen voll. Es hat ihn jemand mit einem Brett gest\u00fctzt. Andernfalls h\u00e4tte der Baum unter der Last der Zwetschken keine Chance, zu bestehen. Die Zwetschken sind schon violett gef\u00e4rbt, jedoch, Fehlanzeige, sie sind an diesem zehnten August hart und entsetzlich sauer. Wom\u00f6glich wurde der Zwetschkenbaum auch erst nach Bernhards Tod gesetzt, immerhin ist Bernhard seit \u00fcber neunundzwanzig Jahren tot. Von der Gr\u00f6\u00dfe des Baumes her ging sich das in neunundzwanzig Jahren aus, denke ich. Ich k\u00f6nnte sehr schnell recherchieren, ob der Baum der Baum Bernhards ist oder nicht. Das Ergebnis ist jedoch nebens\u00e4chlich. Dass jemand sich sein Haus und damit seinen Alltag ansehen kommt, hat Bernhard zu Lebzeiten, so habe ich derartige Berichte verstanden, zutiefst verabscheut. Nun, da das Haus nach seinem Tod zum Museum gemacht wurde, kommen an Wochenenden und Feiertagen unz\u00e4hlige Menschen, denen das Bernhard Haus Schauraum f\u00fcr Thomas Bernhard bietet. Bernhards H\u00e4user z\u00e4hlen zu seiner Geisteswelt, seinem Geisteswerk, und ein Werk f\u00fchrt doch irgendwann auch ein Eigenleben, oder nicht?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2800.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3424 size-medium alignright\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2800-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2800-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2800-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2800-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Das Bernhard Lesen kam bei mir erst nach dem Bernhard Tod und begann mit dem \u201eUntergeher\u201c. Mein hoch virtuoser und ebenso belesener Kollege Sergio Tiempo hatte mich in den neunzehnneunziger Jahren nach meiner Meinung zu diesem Buch und zu Bernhard im allgemeinen gefragt, da er annahm, dass ich als \u00d6sterreicherin, als Wienerin, selbstredend mit dem Werk von Bernhard generell und diesem Buch im speziellen eingehend vertraut sei. Der in Br\u00fcssel lebende Sergio hatte Bernhard in Br\u00fcssel faszinierend gefunden und mich in Wien zum Bernhard Lesen gebracht. Daraufhin ging es mit mir und Bernhard bergauf. Ich war zeitweise eine ausdauernde Bernhardleserin. Bernhard brachte mich auch zum Lachen, mit \u201eAlte Meister\u201c zum Beispiel. Seine Heidegger Paraphrase fand ich damals, vor vielen Jahren, gl\u00e4nzend und urkomisch, so sehr, dass ich in der Stra\u00dfenbahn beim Lesen auflachte und es erst merkte, als ich die Blicke der Mitfahrenden auf mir sp\u00fcrte und aufblickte. Manche von Bernhards B\u00fcchern habe ich zwei oder drei Mal gelesen, manche nicht einmal einmal ganz oder eben gar nicht. Ich suchte bei Bernhard nicht die Vollst\u00e4ndigkeit und auch nicht den Zusammenhang. Seine ersten S\u00e4tze sind eine Wucht und ebenso der Sog, den sie bei einem Buch entfalten und dem man im besten Falle bis zum Ende nicht mehr auskommt. F\u00fcr mich sind die Einzels\u00e4tze von Bernhard oft ebenso aussagekr\u00e4ftig oder sogar aussagekr\u00e4ftiger als der gesamte Inhalt des jeweiligen Buches geb\u00fcndelt und dennoch stehen die S\u00e4tze nicht allein sondern sind fest eingewoben in ein dichtes Ganzes. Man muss also nicht notwendigerweise das ganze Buch lesen, um gefesselt zu werden, rein geistig, naturgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2805.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3431 size-medium alignleft\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2805-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2805-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2805-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2805-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u201eDer Untergeher\u201c, 1983 ver\u00f6ffentlicht, war in seiner Frechheit grandios: gleich beide weltber\u00fchmten Klaviergenies Glenn Gould und Vladimir Horowitz als bewunderte Protagonisten ins pers\u00f6nliche Umfeld des Erz\u00e4hlers einzubetten und an ihnen das Scheitern und den Suizid der Figur Wertheimers \u00a0zu spiegeln, war gleicherma\u00dfen gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig wie raffiniert. Bernhards Spiel mit den Klavierlegenden Gould und Horowitz in der Fiktion bediente sich bewusst ihres jeweiligen realen Bekanntheitsgrades und k\u00fcnstlerischen Stellenwerts, soweit von Bernhard wahrgenommen, und nutzte sie zus\u00e4tzlich als Sprachrohr Bernhard&#8217;scher Gedanken zu \u00d6sterreich, zur Kunstauffassung und vielem mehr. Ich nahm den Roman zun\u00e4chst tats\u00e4chlich ernst und wunderte mich, dass ich zuvor nie von einer pers\u00f6nlichen Bekanntschaft Goulds mit Horowitz geh\u00f6rt hatte, ganz zu schweigen davon, dass Horowitz in Salzburg an der Sommerakademie Gould (und eben andere) unterrichtet h\u00e4tte. Bernhard hatte mich umgarnt und in die Falle gelockt: ungeheuerliche Neuigkeiten, die sich nach ganz wenig Recherche als historisch komplett falsch herausstellten, was weder die Kraft der Fiktion noch meine Lesefreude tr\u00fcbte. Solcherart war mein Eintritt in die Prosa Bernhards und in seine zum einen grenzenlose zum anderen genau kalkulierende Phantasie. Wenn man Bernhard gelesen hat, kennt man seinen Kosmos und seine Unversch\u00e4mtheit. Letztere anzunehmen oder nicht anzunehmen ist eine Frage der Perspektive.<\/p>\n<p>Also besuche ich das Bernhard Haus Obernathal zwei zumindest von au\u00dfen, obwohl es ohne Bernhard die tote Haut einer Schlange nach der H\u00e4utung ist, zur\u00fcckgelassen und dem Verfall preisgegeben. Alles l\u00e4sst sich auch mumifizieren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2822.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3463 size-medium alignright\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2822-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2822-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2822-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2822-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Ich schaue, soweit m\u00f6glich, durch die Fenster ins Innere des Vierkanthofes. Dort nehme ich am Boden sehr breite, parallel verlegte Bretter in jenem Raum wahr, durch dessen Fenster ich schaue, im n\u00e4chsten Raum dezente Verfliesung, weiters Mobiliar aus dunklem Massivholz, Biedermeier Fauteuils, Kachel\u00f6fen, klare, einfache Linien, strenge Gem\u00fctlichkeit, Bernhard hatte offensichtlich Stil und Geschmack auch bei der Einrichtung seines \u201eVierkantarbeitskerkers\u201c, wie er den Hof 1965 nannte (<a href=\"https:\/\/www.thomasbernhard.at\/index.php?id=133\">siehe Text Thomas Bernhards &#8222;Meine eigene Einsamkeit&#8220;<\/a>).\u00a0Ich sehe w\u00e4hrend meines Besuchs keinen Menschen auf der Stra\u00dfe. Die Gegend wirkt auf mich ab der Ausfahrt Ohlsdorf menschenleer, auch wenn die wenigen H\u00e4user des Ortes Obernathal offensichtlich bewohnt sind.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnten auch Regen und Wind die Stra\u00dfe leergefegt haben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2776.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3438 size-medium alignleft\" src=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2776-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2776-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2776-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.struhal.com\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/IMG_2776-1024x1024.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Das, was mir vom Besuch des Bernhard Hauses au\u00dfer anregenden drei\u00dfig Minuten Gedanken an Bernhards Texte, an seine Sprache und an mit Bernhard Lesen verbrachte Stunden, die bei mir viele Jahre zur\u00fcckliegen, bleibt, ist, dass ich den \u201eUntergeher\u201c aufschlage, sobald ich zuhause bin, und die ersten S\u00e4tze lese. Und da ist es wieder, das Thomas-Bernhard-Land meiner Lesevergangenheit. Ich stelle mir vor, wie Bernhard manche dieser S\u00e4tze im Haus in Obernathal aus der Luft gegriffen hat.<\/p>\n<p>\u00a9 Photos und Text Gerda Struhal, 2018<\/p>\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Blogpost basiert auf meiner Leseleidenschaft, die immer auch mit der Musik zu tun hat. (Alles hat bei mir mit Musik zu tun.) Besuch in Obernathal. Ortseinfahrt Obernathal, dann mit dem Auto scharf links und man ist da: Obernathal zwei, eine der ehemaligen Anschriften von Thomas Bernhard. Wenn man das notariell versiegelte Tagebuch von Ignaz<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3423,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[307,310,308,312,309,311],"class_list":["post-3515","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog","tag-bernhard","tag-bernhardhaus","tag-der-untergeher","tag-lesen","tag-obernathal","tag-reisebericht"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3515"}],"version-history":[{"count":37,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3635,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3515\/revisions\/3635"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}