{"id":3400,"date":"2018-08-01T11:16:53","date_gmt":"2018-08-01T09:16:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.struhal.com\/?p=3400"},"modified":"2019-02-21T12:16:01","modified_gmt":"2019-02-21T11:16:01","slug":"deutsch-interpretation-vortragszeichen-bei-beethoven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/2018\/08\/01\/deutsch-interpretation-vortragszeichen-bei-beethoven\/","title":{"rendered":"Interpretation, einige Gedanken zu Vortragszeichen bei Beethoven"},"content":{"rendered":"<p><b>Gedanken zu Vortragszeichen bei Beethoven&#8230;<\/b><\/p>\n<p><b>&#8230;Kommunikationsmedium mit uns Interpretinnen und Interpreten? fester Bestandteil des thematischen Materials?<\/b><\/p>\n<p>\u201eMusik genau Lesen, bedeutet nicht nur: Wahrnehmen, was niedergeschrieben ist (eine Aufgabe, deren Schwierigkeit fast immer untersch\u00e4tzt wird); es bedeutet dar\u00fcber hinaus: die Zeichen verstehen.\u201c Alfred Brendels Text \u201eNachtrag zur \u201aWerktreue\u2018\u201c kann ich zu diesem Thema sehr empfehlen.<\/p>\n<p>Vortragszeichen eines Komponisten im Notentext, auch Spielanweisungen genannt &#8211; egal ob es sich um dynamische oder agogische Anweisungen handelt, Angaben zur Artikulation oder Tempoangaben -, sind Vorgaben des Komponisten, der, im besten Falle, nicht nur genau wei\u00df, wie das Werk zu klingen vermag, sondern auch den Willen aufbringt, das Werk aus fremden H\u00e4nden nach eigenen Vorstellungen erklingen zu lassen.<\/p>\n<p>Diese Zeichen geben uns Interpreten also vor, was zu tun ist und sind nat\u00fcrlich auch klar definiert: <i>f, p, sf, dim., cresc., rit.<\/i>,<em> legato, stacc.,<\/em> etc. Dennoch sind sie in ihrer Bedeutung gar nicht so einfach zu verstehen. Woran mag das liegen?<\/p>\n<p>Jeder Interpret kann f\u00fcr sich einmal ein Experiment machen und einen Notentext so pr\u00e4parieren, dass er die diversen Vortragszeichen des Komponisten nicht mehr lesen kann. Das ver\u00e4ndert den Notentext nachhaltig, auch wenn Tonh\u00f6hen und Tondauern unver\u00e4ndert bleiben.<\/p>\n<p>Auch kennen viele von uns sicherlich jene Notenausgaben, die keine Urtextausgaben sind, also vom jeweiligen Herausgeber mit zus\u00e4tzlichen Vortragszeichen (aus verschiedensten Gr\u00fcnden) erg\u00e4nzt wurden. Es kann auch wirklich interessant sein, mal z.B. einige Blicke in die von Carl Czerny herausgegebene Ausgabe von Bachs &#8222;Wohltemperiertes Clavier&#8220; zu werfen, oder in die Ausgabe der Beethoven Sonaten von D\u2019Albert, Schnabel, etc\u2026.<\/p>\n<p>Ich beziehe mich in diesem Text ausschlie\u00dflich auf jene Vortragszeichen, die vom Komponisten \u00fcberliefert sind und uns dank hervorragend dokumentierter Urtextausgaben, wie bei Beethoven, zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Geht es Beethoven in all den Bem\u00fchungen um genaue und genaueste Kennzeichnung des musikalischen Ablaufs, auch durch Vortragszeichen, um unverr\u00fcckbare Unterweisungen f\u00fcr mich als Interpretin? Also um das kommunikative Bed\u00fcrfnis, anderen eine f\u00fcr ihn essentielle musikalische Vorstellung mitzuteilen und so gut wie m\u00f6glich im Detail nachvollziehbar zu machen?<\/p>\n<p>Wenn man sein Wesen, das von Zeitgenossen bisweilen als unberechenbar, auch unzug\u00e4nglich und m\u00fcrrisch beschrieben wurde, ber\u00fccksichtigt, k\u00f6nnte man auch denken, dass es Beethoven wom\u00f6glich gar nicht so sehr um die Anleitung der InterpretInnen als vorrangig um das eigene Festhalten des musikalischen Kosmos ging, der sich ihm er\u00f6ffnete und an dem er sich durch Verfassen von unz\u00e4hligen Skizzen \u00fcber Skizzen abarbeiten musste, um ihn zu erschlie\u00dfen und in einen zusammenh\u00e4ngenden Fluss zu bringen? Und um diesen musikalischen Fluss seiner Vorstellungswelt zu strukturieren, dienten ihm auch detaillierte Vortragszeichen?<\/p>\n<p>Dennoch gehe ich gleicherma\u00dfen von einer kommunikativen Komponente der Spielanweisungen aus.<\/p>\n<p>In diesem Kontext f\u00e4llt auf, dass die Skizzen keine oder wenige Vortragszeichen aufweisen. Das ist verst\u00e4ndlich, Vortragszeichen wurden erst sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgt, wenn die Themen in Ablauf und Form ausgereift waren; ein Bildhauer macht sich auch erst, wenn die groben Formen stimmen, an die Feinmodellierung der Skulptur. Das l\u00e4sst jedoch auch Schl\u00fcsse hinsichtlich des Stellenwerts der Vortragszeichen zu. Wir wissen aus Schilderungen seiner Zeitgenossen auch, wie vehement Beethoven selbst beim Dirigieren deren Umsetzung von den ausf\u00fchrenden Musikern einforderte (<a href=\"https:\/\/www.struhal.com\/2018\/07\/18\/deutsch-beethoven-der-dirigent-und-pianist-in-den-jahren-1808-bis-1815-nach-erinnerungen-louis-spohrs\/\">siehe Post&nbsp;Beethoven der Dirigent und Pianist nach Erinnerungen Louis Spohrs<\/a>).<\/p>\n<p>Insofern sind, wie zum Beispiel bei Beethoven, Vortragszeichen also keinerlei stereotype oder mechanische Angaben eines Komponisten, keine \u00c4u\u00dferlichkeiten, die die Umrisse der Komposition und den musikalischen Fluss ma\u00dfstabsgerecht nach Spannungsh\u00f6hepunkten markieren, ein <i>f<\/i> gleich einem anderen <i>f<\/i>, ein <i>sf<\/i> gleich einem anderen und ein <i>staccato<\/i> gleich einem weiteren <i>staccato<\/i>, wie Z\u00e4une ein Grundst\u00fcck oder Kanalw\u00e4nde einen Fluss regulieren. Unter den vielen verschiedenen Ebenen der Darstellung einer Komposition im Notentext sind die Vortragszeichen jene Angaben, bei denen der Komponist die Interpretin gewisserma\u00dfen an der Hand nimmt auf einen Weg, der InterpretInnen (und H\u00f6rer!) im Verlauf des Werkes an Besonderheiten heranf\u00fchrt, erwartete und unerwartete, und sie aufzeigt. Jedes einzelne <i>pp<\/i>, <i>f<\/i>, jede Fermate, jedes r<i>it.<\/i>, jedes <i>cresc.<\/i> oder <i>dim.<\/i>, jede Zweierbindung, etc stehen bei Beethoven zueinander in Beziehung, sind eine Besonderheit im zugrunde liegenden musikalischen Flu\u00df und thematisch bedingt; sie suchen individuelle klangliche Umsetzung. Jedes Zeichen fordert im Verlauf eine Neuausrichtung, hinsichtlich harmonischen und motivischen Weiterentwicklungen oder Wiederholungen, die es beschreibt, ein.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<p>Daraus folgt konsequenterweise der Schluss, dass Vortragszeichen nur aus einem tiefen Verst\u00e4ndnis der Schreibweise des Komponisten heraus sinnvoll im Kontext gelesen und interpretiert werden k\u00f6nnen. Beethoven schreibt z.B. nicht <strong>&gt;<\/strong>, um einen Ton (oder eine Tonfolge) zu akzentuieren, sondern <i>sf<\/i>, oder <i>rinf<\/i>. oder sogar mal subito <i>f<\/i> oder <i>ff<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span><\/i>(z.B. 5. Symphonie 2. Satz, T29, Hervorhebung der enharmonischen Modulation nach C, ein kolossaler Moment, aus verschiedenen Gr\u00fcnden, hierzu eventuell einmal mehr an anderer Stelle). Schubert schreibt wiederum <strong>&gt;<\/strong>, wobei der Akzent hier anders zu verstehen ist als ein <i>sf<\/i> bei Beethoven. Ein kleinr\u00e4umiges Crescendo, auf das unmittelbar ein, dynamisch zur\u00fcckgenommenes, p folgt, ist bei Beethoven im Rahmen einer Phrase durchaus g\u00e4ngig, eine Besonderheit, die man bei Mozart zum Beispiel nicht antrifft. Die Vortragszeichen eines Werkes Lesen und Verstehen, setzt voraus, dass man Eigenheiten des Komponisten in Schreib- und musikalischer Denkart kennt und zuordnen kann.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier abschlie\u00dfend nochmals Alfred Brendel zu Wort kommen lassen: \u201eWir folgen Regeln, damit die Ausnahmen um so deutlicher sichtbar werden. Wir beziehen aus dem Buchstaben die Vision und sehen, zur\u00fcckgewandt, den Buchstaben mit neuen Augen. Je genauer wir verstehen, um so gr\u00f6\u00dfer soll das Staunen sein.\u201c Alfred Brendel, Nachtrag zur \u201eWerktreue\u201c.<\/p>\n<p>\u00a9 Gerda Struhal, 2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken zu Vortragszeichen bei Beethoven&#8230; &#8230;Kommunikationsmedium mit uns Interpretinnen und Interpreten? fester Bestandteil des thematischen Materials? \u201eMusik genau Lesen, bedeutet nicht nur: Wahrnehmen, was niedergeschrieben ist (eine Aufgabe, deren Schwierigkeit fast immer untersch\u00e4tzt wird); es bedeutet dar\u00fcber hinaus: die Zeichen verstehen.\u201c Alfred Brendels Text \u201eNachtrag zur \u201aWerktreue\u2018\u201c kann ich zu diesem Thema sehr empfehlen. 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