{"id":3366,"date":"2018-07-18T10:49:28","date_gmt":"2018-07-18T08:49:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.struhal.com\/?p=3366"},"modified":"2018-07-18T12:24:17","modified_gmt":"2018-07-18T10:24:17","slug":"deutsch-beethoven-der-dirigent-und-pianist-in-den-jahren-1808-bis-1815-nach-erinnerungen-louis-spohrs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/2018\/07\/18\/deutsch-beethoven-der-dirigent-und-pianist-in-den-jahren-1808-bis-1815-nach-erinnerungen-louis-spohrs\/","title":{"rendered":"Beethoven der Dirigent und Pianist in den Jahren 1808 bis 1815 nach Erinnerungen Louis Spohrs"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Beethoven der Dirigent und Pianist in den Jahren 1808 bis 1815 nach Erinnerungen Louis Spohrs<\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Erz\u00e4hlungen zu den Urauff\u00fchrungen der 7. Symphonie und des 4. Klavierkonzertes, zu seiner fortschreitenden Geh\u00f6rlosigkeit und zur Umsetzung von Spielanweisungen<\/strong><\/h4>\n<p>Beethoven schreibt in seinem Tagebuch im Jahr 1917<\/p>\n<p><em>\u201eDas Alleinleben ist wie Gift f\u00fcr dich bey deinem Geh\u00f6rlosen Zustande, Argwohn mu\u00df bey einem niedern Menschen um dich stets gehegt werden.\u201c\u00a0<\/em><\/p>\n<p>In seinen \u201eLebenserinnerungen\u201c h\u00e4lt Louis Spohr die Bekanntschaft mit Ludwig van Beethoven in den Jahren 1812 bis 1815 fest und gibt hier auch seine Eindr\u00fccke von Beethovens offensichtlich weit fortgeschrittener Beeintr\u00e4chtigung des Geh\u00f6rs wieder.<\/p>\n<p>Spohr berichtet, dass er nach seiner Ankunft in Wien 1812 Beethoven so bald wie m\u00f6glich aufsuchte, und beschreibt, dass Beethovens Geh\u00f6r bereits schwer beeintr\u00e4chtigt war: \u201eEs war aber eine sauere Arbeit, sich ihm verst\u00e4ndlich zu machen, da man so laut schreien mu\u00dfte, da\u00df es im dritten Zimmer zu h\u00f6ren war. [\u2026]\u201c Spohr f\u00fchrt in diesem Zusammenhang aus, dass Beethoven sich aufgrund seiner fortschreitenden Taubheit von allen \u201eMusikpartien\u201c zur\u00fcckziehe, da \u201eer Musik nicht mehr deutlich und im Zusammenhange h\u00f6ren k\u00f6nne\u201c.<\/p>\n<p>Im weiteren beschreibt Spohr Beethovens Dirigierstil, den er als ausf\u00fchrender Musiker im Rahmen der Wohlt\u00e4tigkeits-Akademie, die Johann Nepomuk M\u00e4lzel am 8. Dez 2013 im Universit\u00e4tssaal gab, miterlebte. Bei dieser Akademie wurden erstmals Beethovens 7. Symphonie op. 92 sowie Wellingtons Sieg op. 91 aufgef\u00fchrt. Angeblich wirkten laut Bericht in der Wiener Zeitung vom 20. Dezember 1813 in diesem Konzert \u201emehr als 100 Virtuosen vom ersten Range\u201c mit.<\/p>\n<p>Beethoven d\u00fcrfte generell einen eigenwilligen Dirigierstil an den Tag gelegt haben, der wom\u00f6glich durch seine Schwerh\u00f6rigkeit noch weiter verst\u00e4rkt wurde. Spohr sagt hier\u00fcber folgendes:<\/p>\n<p><em>\u201e[\u2026] Alles was geigen, blasen und singen konnte, wurde zur Mitwirkung eingeladen, und es fehlte von den bedeutenden K\u00fcnstlern Wiens auch nicht einer. Ich und mein Orchester hatten uns nat\u00fcrlich auch angeschlossen, und so sah ich Beethoven zum erstenmale dirigiren. Soviel ich auch hatte davon erz\u00e4hlen h\u00f6ren, so \u00fcberraschte es mich doch in hohem Grade. Beethoven hatte sich angew\u00f6hnt, dem Orchester die Ausdruckszeichen durch allerlei sonderbare K\u00f6rperbewegungen anzudeuten. So oft ein sforzando vorkam, ri\u00df er beide Arme, die er vorher auf der Brust kreuzte, mit Vehemenz auseinander. Bei dem piano b\u00fcckte er sich nieder, und um so tiefer, je schw\u00e4cher er es wollte. Trat dann ein crescendo ein, so richtete er sich nach und nach wieder auf und sprang beim Eintritt des Forte hoch in die H\u00f6he. Auch schrie er manchmal, um die Forte noch zu verst\u00e4rken, mit hinein, ohne es zu wissen!<\/em><\/p>\n<p><em>Seyfried, dem ich mein Erstaunen \u00fcber diese sonderbare Art zu dirigiren aussprach, erz\u00e4hlte von einem tragi-komischen Vorfalle, der sich bei Beethovens letztem Concerte im Theater an der Wien ereignet hatte [Beethovens Akademie am 22. Dezember 1808]. Beethoven spielte ein neues Pianoforte-Concert von sich [4. Klavierkonzert op. 58], verga\u00df aber schon beim ersten tutti, da\u00df er Solospieler war, sprang auf und fing an, in seiner Weise zu dirigiren. Bei dem ersten sforzando schleuderte er die Arme so weit auseinander, dass er beide Leuchter vom Clavierpulte zu Boden warf. Das Publikum lachte, und Beethoven war so au\u00dfer sich \u00fcber diese St\u00f6rung, da\u00df er das Orchester aufh\u00f6ren und von neuem beginnen lie\u00df. Seyfried, in der Besorgnis, da\u00df sich bei derselben Stelle dasselbe Ungl\u00fcck wiederholen werde, hie\u00df zweien Chorknaben sich neben Beethoven stellen und die Leuchter in die Hand nehmen. Der eine trat arglos n\u00e4her und sah mit in die Clavierstimme hinein. Als daher das verh\u00e4ngnisvolle sforzando hereinbrach, erhielt er von Beethoven mit der ausfahrenden Rechten eine so derbe Maulschelle, da\u00df der arme Junge vor Schrecken den Leuchter zu Boden fallen lie\u00df. Der andre Knabe, vorsichtiger, war mit \u00e4ngstlichem Blick allen Bewegungen Beethoven\u2019s gefolgt, und es gl\u00fcckte ihm daher, durch schnelles Niederb\u00fccken der Maulschelle auszuweichen. Hatte das Publikum schon vorher gelacht, so brach es jetzt in einen wahrhaft bacchanalischen Jubel aus! Beethoven gerieth so in Wuth, da\u00df er gleich bei den ersten Akkorden des Solos ein halbes Dutzend Saiten zerschlug. Alle Bem\u00fchungen der \u00e4chten Musikfreunde, die Ruhe und Aufmerksamkeit wieder herzustellen, blieben f\u00fcr den Augenblick fruchtlos. Das erste Allegro des Konzertes ging daher ganz f\u00fcr die Zuh\u00f6rer verloren. Seit diesem Unfall hat Beethoven kein Concert wieder gegeben.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Das von seinen Freunden veranstaltete hatte aber den gl\u00e4nzendsten Erfolg. Die neuen Compositionen Beethoven\u2019s gefielen au\u00dferordentlich, besonders die Symphonie in A (die siebente). Der wundervolle zweite Satz wurde da capo verlangt; er machte auch auf mich einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Die Ausf\u00fchrung war eine ganz meisterhafte, trotz der unsichern und dabei oft l\u00e4cherlichen Direktion Beethovens.<\/em><\/p>\n<p><em>Da\u00df der arme taube Meister die piano seiner Musik nicht mehr h\u00f6ren konnte, sah man ganz deutlich. Besonders auffallend war es bei einer Stelle im zweiten Theile des ersten Allegro der Symphonie. Es folgten sich da zwei Halte gleich nach einander, von denen der zweite pianissimo ist. Diesen hatte Beethoven wahrscheinlich \u00fcbersehen, denn er fing schon wieder an zu taktieren, als das Orchester noch nicht einmal diesen zweiten Halt eingesetzt hatte. Er war daher, ohne es zu wissen, dem Orchester bereits zehn bis zw\u00f6lf Takte vorausgeeilt, als dieses nun auch, und zwar pianissimo, begann. Beethoven, um dieses pp nach seiner Weise anzudeuten, hatte sich ganz unter dem Pult verkrochen. Bei dem nun folgenden crescendo wurde er wieder sichtbar, hob sich immer mehr und sprang hoch in die H\u00f6he, als der Moment eintrat, wo seiner Rechnung nach das forte beginnen mu\u00dfte. Da dieses ausblieb, sah er sich erschrocken um, starrte das Orchester verwundert an, da\u00df es noch immer pp spielte, und fand sich erst zurecht, als das l\u00e4ngst erwartete forte nun eintrat und ihm h\u00f6rbar wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Gl\u00fccklicherweise fiel diese komische Scene nicht bei der Auff\u00fchrung vor, sonst w\u00fcrde das Publikum sicher wieder gelacht haben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn wir Spohr\u2019s Schilderungen vernehmen, die detailliert und gut beobachtet scheinen, und wenn wir zus\u00e4tzlich bedenken, dass die \u201aKonversationshefte\u2018 &#8211; sie belegen, dass Beethoven das Gesprochene seiner Gespr\u00e4chspartner nicht mehr h\u00f6rte und nur schriftlich aufnehmen konnte -, erst ab Februar 1818 dokumentiert sind, k\u00f6nnen wir ein wenig ermessen, dass zum Zeitpunkt des Einsatzes der Konversationshefte Beethoven wohl schon weitgehend ertaubt war. Das l\u00e4sst wom\u00f6glich auch den einen oder anderen R\u00fcckschluss auf sein Werk, insbesondere das Sp\u00e4twerk, zu. Es ist nicht ganz einfach, auf Beethovens Geh\u00f6r aus seinen eigenen Darstellungen R\u00fcckschl\u00fcsse zu ziehen, da es Beethoven offensichtlich, wie auch die oben geschilderten Szenen ansatzweise wiedergeben, ein Bed\u00fcrfnis war, den tats\u00e4chlichen Zustand seines Geh\u00f6rs den ausf\u00fchrenden Musikern und seinem Publikum gegen\u00fcber zu verschleiern. Er d\u00fcrfte sich bem\u00fcht haben, den Eindruck zu erhalten, dass er die an ihn gestellten beruflichen Anforderungen erf\u00fcllen konnte, vermutlich auch deshalb, weil er sie unbedingt erf\u00fcllen wollte.<\/p>\n<p>Was mir hier \u00fcberdies besonders interessant scheint, ist Beethovens Umgang mit den eigenen Spielanweisungen, das gro\u00dfe Bed\u00fcrfnis, sie deutlich, ja anscheinend \u00fcberdeutlich, f\u00fcr die Orchestermusiker darzustellen. Warum ihm das ein derartiges Anliegen war, warum er hierf\u00fcr diese Darstellung im Dirigieren suchte, mag viele unterschiedliche Gr\u00fcnde haben. Denen nachzugehen, wird eine sehr reizvolle Aufgabe eines meiner n\u00e4chsten Texte sein.<\/p>\n<p>Zitate aus Louis Spohr, Selbstbiographie, Cassel &amp; G\u00f6ttingen, 1860\/61 (https:\/\/books.google.at\/books?id=rAAtAAAAMAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false) und Maynard Solomon, Beethovens Tagebuch, Beethoven-Haus Bonn, 1990, weitere Literatur, Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen in Tageb\u00fcchern, Briefen, Gedichten und Erinnerungen, G. Henle Verlag M\u00fcnchen, 2009<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beethoven der Dirigent und Pianist in den Jahren 1808 bis 1815 nach Erinnerungen Louis Spohrs Erz\u00e4hlungen zu den Urauff\u00fchrungen der 7. Symphonie und des 4. 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