{"id":3148,"date":"2015-07-14T16:28:52","date_gmt":"2015-07-14T14:28:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.struhal.com\/?p=3148"},"modified":"2018-04-12T10:54:54","modified_gmt":"2018-04-12T08:54:54","slug":"deutsch-werkeinfuhrung-solorezital-carinthischer-sommer-2015-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/2015\/07\/14\/deutsch-werkeinfuhrung-solorezital-carinthischer-sommer-2015-2\/","title":{"rendered":"Werkeinf\u00fchrung Solorezital Carinthischer Sommer 2015"},"content":{"rendered":"<p><strong>Werkeinf\u00fchrung Solorezital Carinthischer Sommer 2015<\/strong><\/p>\n<p>ver\u00f6ffentlicht am 31. Juli 2015\/Programmheft Carinthischer Sommer 2015<\/p>\n<p><strong>Johann Sebastian Bach<\/strong><\/p>\n<p>Als Johann Sebastian Bach sich um die h\u00f6chst angesehene Stelle des Thomaskantors in Leipzig bewarb, sollte er auch seine p\u00e4dagogischen F\u00e4higkeiten unter Beweis stellen. Also reichte Bach 1722\/23 u. a. die 24 Pr\u00e4ludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers Band I ein, die anschaulich darstellen sollten, in welcher Weise er herangehende Musiker in der Kunst der Komposition und des Instrumentalspiels schulen w\u00fcrde. Die gro\u00dfartige Neuerung dieser Werksammlung war, da\u00df sie jeweils ein Pr\u00e4ludium und eine Fuge in jeweils einer der vierundzwanzig Dur- und Molltonarten, in chromatisch aufsteigender Ordnung, vorweisen konnte. Da\u00df der Umgang mit Tonarten zuvor beschr\u00e4nkt war, lag an den damals \u00fcblichen Instrumentenstimmungen, \u201eTemperierungen\u201c, die den Tonarten durch unregelm\u00e4\u00dfige Intervallabst\u00e4nde \u2013 welche f\u00fcr uns, die wir heute die gleichschwebende Stimmung gewohnt sind, \u201averstimmt\u2018 klingen \u2013 jeweils charakteristische Farben gaben. Bach konnte damals auf eine neuartige Stimmung, von ihrem Erfinder Werckmeister \u201eWohltemperierte Stimmung\u201c genannt, zur\u00fcckgreifen. Indem er jeder Fuge im strengen Kontrapunkt ein quasi improvisatorisches Pr\u00e4ludium im freien Satz voranstellte, lotete Bach das Tonmaterial, das er verwendete, aus. Bach hob durch seine Experimentierfreude und kompositorische Neugierde im Wohltemperierten Klavier I und II nicht nur die kontrapunktische Technik auf ein neues Niveau, er setzte auch f\u00fcr das instrumentale Spiel zukunftsweisende Herausforderungen. Inhaltlich unterscheiden sich die sechs programmierten Pr\u00e4ludien und Fugen auch entsprechend des Charakters ihrer Tonart. So setzte Bach z. B. der f\u00fcnfstimmigen Fuge in cis-Moll, die in ihrer Anlage als Tripelfuge bezeichnet werden kann (drei Themen bestimmen den Verlauf), ein Thema voran, das durch seine Intervallstruktur symbolisch das Kreuz Christi beschreibt. Und die festliche vierstimmige Fuge in Es-Dur setzt er im \u201estile antico\u201c. Diese k\u00f6nnte \u00fcbrigens Beethoven f\u00fcr seinen Kanon in der Durchf\u00fchrung des ersten Satzes der Sonate op. 106 im Ohr gehabt haben. Bereits vom elfj\u00e4hrigen Beethoven wird \u00fcberliefert, da\u00df er gro\u00dfe Teile des Wohltemperierten Klaviers beherrschte. Sp\u00e4ter h\u00e4lt Beethovens Sch\u00fcler, der Klavierp\u00e4dagoge Carl Czerny, fest, da\u00df Beethovens Spiel der Fugen Bachs einzigartig gewesen sei.<\/p>\n<p><strong>Ernst Krenek<\/strong><\/p>\n<p>Ernst Kreneks Zweite Sonate op. 59 von 1928 f\u00fchrt uns in eine musikalische Welt, in der die Tonalit\u00e4t, die Bach so kunstvoll erschlossen hatte, nicht mehr Basis der Komposition ist. Krenek, 1900 geboren, im Wesen forsch und selbstbewu\u00dft, nimmt in den Zwanzigerjahren u. a. in Wien, Deutschland und Paris alle kompositorischen M\u00f6glichkeiten, die ihn umgeben (u. a. Atonalit\u00e4t, Zw\u00f6lftontechnik\u2026), wahr und l\u00e4\u00dft sie in sein Werk einflie\u00dfen. So wird er 1927 durch seine vom Jazz inspirierte Oper Jonny spielt auf weithin ber\u00fchmt. In den drei\u00dfiger Jahren brachte ihm dasselbe Werk von den Nationalsozialisten eine Eintragung in die Liste der entarteten K\u00fcnstler, er wurde mit Auff\u00fchrungsverbot belegt und in die Emigration getrieben. Zur \u201eneoromantischen\u201c Zweiten Sonate meint Krenek selbst: \u201e[\u2026] In der Sonate versuchte ich mich an der Wiederbelebung und Umformung einiger eher Schubertscher Wendungen, wie zum Beispiel im zweiten Satz der deutliche \u00dcbergang von schnellem zu langsamem Tempo, w\u00e4hrend der Grundschlag der gleiche bleibt [\u2026]. Der Stil der Sonate ist eine ziemlich verwirrende Mischung aus Schubert, Chopin, Tschaikowsky (das spritzige zweite Thema meines Finales erinnert mich immer an die schwungvollen Gesten im Scherzo der Symphonie Path\u00e9tique) und Schumann (das dritte Thema des Finales). Insofern erinnert meine Sonate vielleicht an eines der surrealistischen Montageverfahren Strawinskys, aber die Absicht war eine andere, da ich nicht ironisch oder komisch sein wollte\u201c (aus Kreneks Autobiographie Im Atem der Zeit).<\/p>\n<p><strong>Ludwig van Beethoven<\/strong><\/p>\n<p>Ludwig van Beethoven komponierte die Sonate op. 106 von 1817 bis 1818 in schwierigen Umst\u00e4nden. So schrieb er am 16. April 1819 an seinen ehemaligen Sch\u00fcler, den in London lebenden Ferdinand Ries, dem er diese Sonate zur Ver\u00f6ffentlichung in Gro\u00dfbritannien ans Herz legte: \u201eVerzeihen Sie die Konfusionen. Wenn Sie meine Lage kennten, w\u00fcrden Sie sich nicht dar\u00fcber wundern, vielmehr \u00fcber das, was ich hierbei noch leiste.\u201c Drei Tage sp\u00e4ter, erneut an Ries, f\u00fchrte Beethoven weiter aus: \u201eDie Sonate ist in drangvollen Umst\u00e4nden geschrieben; denn es ist hart, um des Brotes willen zu schreiben; so weit habe ich es nun gebracht!\u201c Der unverheiratete, kinderlose Beethoven war nach dem Tod seines Bruders Caspar Carl 1815 in einen jahrelangen, zerm\u00fcrbenden und finanziell aufwendigen Sorgerechtsstreit um seinen damals neunj\u00e4hrigen Neffen Karl mit dessen Mutter verwickelt. Und seine weit fortgeschrittene Ertaubung, die eine Kommunikation mit der Au\u00dfenwelt in vielerlei Hinsicht auf den Schriftverkehr reduzierte, erschwerte seine Lage zus\u00e4tzlich. So gibt es ab 1818 die \u201eKonversationshefte\u201c, die Alltagskommunikation mit Bediensteten und Freunden dokumentieren.<\/p>\n<p>Wenn wir also diese Umst\u00e4nde betrachten, erscheint umso beeindruckender, mit welcher Kraft Beethoven die Sonate op. 106, seine mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Klaviersonate, zum Leben erweckte. Es f\u00e4llt schwer zu glauben, da\u00df sie eine kompositorische Krisenzeit Beethovens beendete, als ihm fehlende Produktivit\u00e4t zu schaffen machte. Der erste Satz er\u00f6ffnet mit einem pr\u00e4chtigen, sich \u00fcber alle Register des Fl\u00fcgels erhebenden, fanfarenartigen Ausruf, der einer Skizze Beethovens zufolge urspr\u00fcnglich f\u00fcr eine Huldigungs-Kantate Vivat, vivat Rudolfus (Uhde) gedacht war. Die Kantate wurde nicht realisiert, die Sonate op. 106 fand jedoch in Erzherzog Rudolph, dem Sch\u00fcler und G\u00f6nner Beethovens, ihren Widmungstr\u00e4ger. Dieses Rufmotiv in strahlendem B-Dur ist gleicherma\u00dfen Motto wie Kopfteil des gro\u00dfangelegten Allegro-Hauptthemas, das nach kurzem Innehalten die Antithese des m\u00e4chtigen Signalrufes bringt, einen sanglichen, harmonisch starken Wandlungen unterliegenden Melodieabschnitt. Dieser bereitet den Aufschwung vor, der in register\u00fcbergreifende Akkorde m\u00fcndet \u2013 sie bringen das Hauptthema zu Ende. Allein an der Gro\u00dfartigkeit dieses Hauptgedankens l\u00e4\u00dft sich die enorme Anlage der Sonate erahnen. Selten findet man ein Thema, das ein Werk derart jubilierend, von freudiger Energie erf\u00fcllt anstimmt.<\/p>\n<p>In diesem Satz, ja, der ganzen Sonate, ben\u00f6tigt jeder thematische Gedanke Raum, wird von verschiedenen Perspektiven beleuchtet, oft orchestral durch die Register des Fl\u00fcgels gef\u00fchrt und pianistisch detailliert ausgearbeitet.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum breit angelegten ersten Satz bekommt man das skurril anmutende Scherzo (Assai vivace) kaum zu fassen. Es scheint dem H\u00f6rer in der raschen Abfolge an Ideen und kleinr\u00e4umigem Geschehen immer entschl\u00fcpfen zu wollen, w\u00e4hrend es mit diversen \u00dcberraschungsmomenten gehaltvoll, doppelb\u00f6dig und auch grotesk vor\u00fcberzieht. Wenige Takte vor Schlu\u00df kulminiert es in der dramatischen, kahlen Konfrontation von h zu B, bevor es sich, B vorziehend, unauff\u00e4llig verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n<p>Das nachfolgende Adagio sostenuto, mit der Spielanweisung \u201eAppassionato e con molto sentimento\u201c, f\u00fchrt uns f\u00fcr etwa f\u00fcnfzehn Minuten weit weg, in eine fis-Moll-Gegenwelt, die, so vermeint man, inhaltlich ein ganz eigenes, reiches musikalisches Leben in all seinem Schicksal umspannt; bei genauerer Betrachtung ist eine motivische Verwandtschaft mit den \u00fcbrigen S\u00e4tzen unverkennbar.<\/p>\n<p>Um aus diesem Adagio in die im gleichen Ma\u00dfe feurig rasante, bewegungsreiche und vor allem monumentale Fuge in B-Dur \u00fcberzuleiten, setzt Beethoven der Fuge eine Largo voran, das quasi pr\u00e4ludierend, improvisierend, den Weg zur\u00fcck sucht und findet.<\/p>\n<p>Carl Czerny empfiehlt den Interpreten als Vorbereitung f\u00fcr diese Fuge das Studium der Fugen von Bach. Tats\u00e4chlich folgt Beethovens \u201eFuga a tre voci, con alcune licenze\u201c spieltechnisch und kompositorisch neuen Voraussetzungen und bringt mit dem in das Fugenthema eingearbeiteten Triller, der inhaltlich mit einem dekorativen Ornament gar nichts mehr gemein hat, ein strukturstiftendes Movens hinein, das Quell von Energie, Antrieb und Verdichtung ist.<\/p>\n<p>Gerda Struhal<\/p>\n<p><strong>\u00a9 Carinthischer Sommer 2015<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werkeinf\u00fchrung Solorezital Carinthischer Sommer 2015 ver\u00f6ffentlicht am 31. Juli 2015\/Programmheft Carinthischer Sommer 2015 Johann Sebastian Bach Als Johann Sebastian Bach sich um die h\u00f6chst angesehene Stelle des Thomaskantors in Leipzig bewarb, sollte er auch seine p\u00e4dagogischen F\u00e4higkeiten unter Beweis stellen. 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