{"id":3135,"date":"2016-04-15T15:33:09","date_gmt":"2016-04-15T13:33:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.struhal.com\/?p=3135"},"modified":"2018-04-12T10:55:58","modified_gmt":"2018-04-12T08:55:58","slug":"deutsch-einfuhrungstext-solorezital-js-bach-f-chopin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.struhal.com\/de\/2016\/04\/15\/deutsch-einfuhrungstext-solorezital-js-bach-f-chopin\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrungstext Solorezital \u201eJS Bach \u2013 F Chopin\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einf\u00fchrungstext Solorezital \u201eJS Bach \u2013 F Chopin\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen Johann Sebastian Bachs Tod 1750 und Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins Geburt 1810 lagen sechzig Jahre, die geographische Distanz Leipzig &#8211; \u017belazowa Wola und, neben vielen anderen Entwicklungen, auch die Handhabung unterschiedlicher Tasteninstrumente. W\u00e4hrend der Gro\u00dfteil des \u201eWohltemperierten Klavier\u201c wohl f\u00fcr Cembalo oder Clavichord geschrieben wurde, komponierte Chopin bereits ausschlie\u00dflich f\u00fcr das Hammerklavier. Auch dar\u00fcberhinaus lagen in der Wahrnehmung des Pariser Publikums von 1833 ganze Welten zwischen den beiden Komponisten. Als der Wahlpariser Chopin, gemeinsam mit seinem Kollegen\u00a0 Franz Liszt und dem Klaviervirtuosen Ferdinand von Hiller &#8211; alle drei waren gro\u00dfe Bachadlaten &#8211; 1833 das Allegro von Bachs Konzert f\u00fcr drei Klaviere in d-Moll in Paris zur Auff\u00fchrung brachte, hagelte es Kritik. Hector Berlioz schrieb in der Zeitschrift \u201eLa R\u00e9novateur\u201c am 29. Dezember 1833 \u00a0gar folgenderma\u00dfen \u00fcber diese Auff\u00fchrung: \u201eEs\u00a0 war ersch\u00fctternd, ich beschw\u00f6re es, drei erstaunliche Talente gesehen zu haben, voller Energie, Jugend und Leben \u00fcberbordend, die sich versammelten, um diese dumme und l\u00e4cherliche Psalmodie aufzuf\u00fchren [\u2026]\u201c. Das kompositorische Schaffen von Johann Sebastian Bach wurde nicht gesch\u00e4tzt unter den Pariser Musikliebhabern und Musikern in den 1830er Jahren. Das lag daran, dass Bach schon zu seinen Lebzeiten mit dem Hang zur polyphonen Musik, n\u00e4mlich den Fugenkompositionen, vielen als altmodisch galt, w\u00e4hrend den Musikh\u00f6rern nach Modernem, nach Virtuosem, nach Melodischem, Eing\u00e4ngigem, Affekt- und Effektvollem war. Das lag auch daran, dass zu Mozarts und Beethovens Lebzeiten der Sohn Johann Sebastian Bachs, der Komponist, Cembalovirtuose und P\u00e4dagoge Carl Philipp Emanuel Bach jener hoch ger\u00fchmte Bach war, von dem alle annahmen, dass er adressiert sei, wenn man von \u201eBach\u201c sprach, und der eben ganz andere Musik komponierte als sein Vater. Johann Sebastian Bach war in der breiten \u00d6ffentlichkeit vollkommen in Vergessenheit geraten. Die von Deutschland ausgehende, durch Mendelssohn initiierte, Renaissance des Johann Sebastian Bach hatte in Paris zu dieser Zeit noch keinen Widerhall gefunden.<\/p>\n<p>Manch Musiker kannte jedoch auch vor und zu Chopins Lebzeiten 1810-1849 Bachs \u201eWohltemperiertes Klavier\u201c. Mozart (\u20201791) war durch Freiherr van Swieten an das Werk herangef\u00fchrt worden und fasziniert davon. Von Beethoven (\u20201827) wird \u00fcberliefert, dass er ein un\u00fcbertroffener Interpret von Bachs Pr\u00e4ludien und Fugen gewesen sei. Und Chopin sah in Johann Sebastian Bach ebenfalls den gro\u00dfen Meister, an dem er sich orientierte. Auch von Chopin ist dokumentiert, dass er das \u201eWohltemperierte Klavier\u201c spielte. Die Noten des Werkes nahm er auf jede Reise mit. Das Werk war ihm st\u00e4ndiger musikalischer Begleiter und kompositorischer Wegweiser. F\u00fcr das heutige durch die historische Musizierpraxis geschulte Publikum w\u00e4re au\u00dferordentlich interessant, wie Chopin, der gro\u00dfartige Pianist, die Pr\u00e4ludien und Fugen Bachs wohl spielte? Wie ging er damit stilistisch um? Wie handhabte er Artikulation, Tempo, Phrasierung? Wir wissen es nicht. Ein direkter Einfluss des &#8222;Wohltemperierten Klavier&#8220; auf Chopins Schaffen l\u00e4sst sich an der Komposition des Zyklus 24 Pr\u00e9ludes op. 28 ablesen: so wird jeder der 24 Tonarten ein Pr\u00e9lude zugeordnet. Bach folgt ebenfalls diesem Prinzip, wenn auch in anderer Anordnung. Bach arbeitet die Tonarten der Reihe nach chromatisch von unten aufsteigend ab, w\u00e4hrend Chopin, ebenfalls in C-Dur beginnend, im Quintenzirkel voranschreitet. Au\u00dferdem beschr\u00e4nkt sich Chopin auf die Form des Pr\u00e9lude, l\u00e4sst es eigenst\u00e4ndig und ohne nachfolgende Fuge stehen. In diesem Rezitalprogramm erklingt mit dem Des-Dur Pr\u00e9lude ein Auszug aus diesem Zyklus. Jedoch l\u00e4sst sich wohl auch an Balladen, Scherzi und Mazurken\u00a0 anhand der konsequenten Linienf\u00fchrung der verschiedenen Stimmen des Klaviersatzes und der genauen, dichten kompositorischen Arbeit hie und da das Vorbild Bachs ausmachen. Chopin lie\u00df sich durchaus auch von anderen Komponisten inspirieren: so widmete er die zweite Ballade, die man sowohl in F-Dur als auch a-Moll stehend bezeichnen k\u00f6nnte, seinem gleichaltrigen Kollegen Robert Schumann. In den melodischen Kantilenen der Eckteile des b-Moll Scherzos h\u00f6rt man Chopins Liebe zu den Opern seines Freundes Vincenzo Bellini und sein Bem\u00fchen, den Belcanto auf das Klavier zu \u00fcbertragen, heraus.<\/p>\n<p>Nun besteht , wie eben beschrieben, eine tiefe Verbundenheit von Chopin zu Bach, nur, wie verh\u00e4lt es sich umgekehrt? Was verbindet Bach mit Chopin? Ist eine derartige Fragestellung sinnvoll bzw profitiert auch der Komponist Bach von einer solchen programmatischen Gegen\u00fcberstellung? Die Beantwortung dieser Frage scheint angesichts Bachs Todeszeitpunkt 60 Jahre vor Chopins Geburt eine vorrangig philosophische Herausforderung. Doch schon die Biographien lassen das eine oder andere Verbindende erkennen: beide sind gro\u00dfe Virtuosen, beide gefragte P\u00e4dagogen, Bach als Thomaskantor an einer hoch angesehenen Institution in Leipzig, Chopin ein gesuchter Privatlehrer in Paris. Was an Bachs \u201eWohltemperiertem Klavier\u201c, dessen erster Band sp\u00e4testens 1722\/23 vollendet wurde, neben vielem anderen wegweisend sein sollte, war die erstmalige Verwendung aller 24 Tonarten als Grundlage f\u00fcr Kompositionen, denen jeweils eine dieser 24 Tonarten zugeordnet wurde. Das war erst dank einer Instrumentenstimmung m\u00f6glich, die auf Andreas Werckmeister zur\u00fcckgeht, sinnvollerweise als \u201eWohltemperierte Stimmung\u201c\u00a0 bezeichnet wurde und die die Reinheit der Terzen zugunsten einer gr\u00f6\u00dferen Reinheit der Quinten kompromittierte. Zuvor war der Radius der auf den Stimmungsverh\u00e4ltnissen der mittelt\u00f6nigen Stimmungen verf\u00fcgbaren Tonarten &#8211; basierend auf m\u00f6glichst reinen Terzen &#8211; sehr beschr\u00e4nkt.\u00a0 F\u00fcr Musikh\u00f6rer, die an die heute g\u00e4ngige, \u00a0gleichschwebende Stimmung (alle Halbt\u00f6ne sind genau gleich gro\u00df) gew\u00f6hnt sind, ist weder die zu Bachs und Chopins Zeiten geltende Tonartencharakteristik nachvollziehbar noch klingen mittelt\u00f6nige oder wohltemperierte Stimmung f\u00fcr die heutigen Ohren \u201asauber\u2018.<\/p>\n<p>Bach hatte also auf dem Gebiet der Entwicklung der Tonarten und der Aufbereitung s\u00e4mtlicher Tonarten f\u00fcr das Komponieren einen bahnbrechenden Weg beschritten. Wenn man Chopins Sinn f\u00fcr Modulation nachsp\u00fcrt, sein Interesse an harmonischen, oft chromatischen, Fortschreitungen beobachtet, die immer als Farben eingesetzt werden und sowohl strukturell formendes als auch emotional pr\u00e4gendes Element einer psychologisch dramatischen Entwicklung seiner Werke sind, k\u00f6nnte man die Frage stellen, was h\u00e4tte Chopin wohl gemacht, h\u00e4tte Bach die Tonarten nicht derart vollkommen erschlossen? H\u00e4tte an Stelle Bachs ein anderer Komponist die Gr\u00f6\u00dfe, den Weitblick und das Bed\u00fcrfnis entwickelt, alle Tonarten zug\u00e4nglich zu machen? Die Idee eines solchen umfassenden Zyklus, den die insgesamt 48 Pr\u00e4ludien und Fugen des ersten und zweiten Bandes darstellen, die B\u00fcndelung aller g\u00e4ngigen Kompositionstechniken des freien Satzes (Pr\u00e4ludium) und des strengen Kontrapunktes (Fuge), stellt eine zuvor nicht dagewesene, multidimensionale Leistung dar, an der in der Folge kaum ein Komponist \u201avorbeikam\u2018 bzw an der die Nachfolgenden auch gemessen wurden und sich ma\u00dfen. Und man darf nicht vergessen, dass das \u201eWohltemperierte Klavier\u201c nur einen sehr kleinen Teil von Bachs immensem kompositorischem Schaffen darstellt. Auch wenn hier wiederum vorrangig eine Teilkomponente dieses Zyklus\u2018, die Erschlie\u00dfung der Tonarten, angesprochen wurde, l\u00e4sst sich allein daran ablesen, wie gro\u00df Bachs Wirkung auf die Nachwelt war. Um die oben gestellte Frage zu beantworten: Bachs Werk profitiert insofern von dieser programmatischen Gegen\u00fcberstellung, als auch durch Chopins Werk hindurch, ohne in irgendeiner Weise Chopins Originalit\u00e4t und Qualit\u00e4t dadurch zu schm\u00e4lern, ein Blick auf den gro\u00dfen Leipziger Meister geworfen werden kann, quasi wie durch ein Kaleidoskop, und die Gr\u00f6\u00dfe und der Glanz einer solchen Komposition, wie sie das \u201eWohltemperierte Klavier\u201c darstellt, durch einen weiteren Mosaikstein, den der kritisch bewundernden, weiterf\u00fchrenden Rezeption, erg\u00e4nzt wird.<\/p>\n<p>\u00a9 Gerda Struhal 2016<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einf\u00fchrungstext Solorezital \u201eJS Bach \u2013 F Chopin\u201c Zwischen Johann Sebastian Bachs Tod 1750 und Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins Geburt 1810 lagen sechzig Jahre, die geographische Distanz Leipzig &#8211; \u017belazowa Wola und, neben vielen anderen Entwicklungen, auch die Handhabung unterschiedlicher Tasteninstrumente. 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